Wenn der Boden wieder atmet
- Florian Strobel

- Dec 5, 2025
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Wie Mikroben Verschlämmung stoppen, Humus aufbauen und Wasser im System halten
Wasser ist selten das Problem. Die Bodenfunktion ist es.
Die Landwirtschaft erlebt gerade zwei Extreme gleichzeitig: lange Trockenphasen und dann Regen, der zu schnell kommt. Das klingt nach Wetter, ist aber oft Infrastruktur. Ein Boden, der funktioniert, kann Wasser aufnehmen, verteilen, speichern und wieder freigeben. Ein Boden, der nicht funktioniert, reagiert mit Kruste, Abfluss, Erosion, Staunässeflecken oder Trockeninseln.
Der entscheidende Punkt ist systemisch: Boden ist kein Substrat, Boden ist ein lebendes Betriebssystem. Und Mikroben sind darin nicht „Zutat“, sondern Prozessmotor.
1) Das Zielbild: Ein „Kammer-Schwamm“ aus Poren
Ein gesunder Boden besitzt ein hierarchisches Porensystem:
Makroporen für schnellen Wasser- und Lufttransport
Mesoporen für pflanzenverfügbares Wasser
Mikroporen für sehr stark gebundenes Restwasser
Für die Praxis bedeutet das: Wasser kommt hinein, findet Wege, verteilt sich und bleibt in einem nutzbaren Bereich verfügbar.
Wichtig für die Einordnung: Pflanzenverfügbares Wasser umfasst den Wasserbereich zwischen Feldkapazität und permanentem Welkepunkt. Ein Teil des im Boden gespeicherten Wassers kann so stark gebunden sein, dass er für Pflanzen nur begrenzt zugänglich ist.
2) Was ein mikrobielles Konsortium im Boden wirklich macht
Ein mikrobielles Konsortium wirkt nicht über einzelne „Tricks“, sondern über gekoppelte Prozesse, die sich gegenseitig verstärken. Entscheidend ist dabei, dass biologische Aktivität im Boden an genau den Stellen ansetzt, an denen Struktur entsteht oder verloren geht: an Partikeloberflächen, in Poren und an der Schnittstelle von Wasser, Luft, Mineralen und organischer Substanz.
A) Verschlämmung verhindern heißt: Partikel binden, bevor Poren verstopfen
Verschlämmung entsteht, wenn feine Partikel mobil werden, Poren „zukleben“ und die Oberfläche beim ersten starken Wasserkontakt kollabiert. Das reduziert Infiltration, fördert Abfluss und begünstigt Krustenbildung.
Mikroben können hier strukturbildend wirken, vor allem über extrazelluläre polymere Substanzen (EPS) und Biofilm:
EPS sind natürliche Biopolymere, die als Bindematrix wirken können und Partikel zu stabileren Verbänden zusammenführen.
Diese Matrix unterstützt die Aggregatstabilität. Stabilere Aggregate zerfallen bei Schlagregen weniger, Poren bleiben eher offen, die Oberfläche versiegelt seltener.
Praktisch übersetzt bedeutet das: weniger Kruste, weniger „Zuschmieren“, bessere Wasseraufnahme auch bei intensiveren Niederschlagsereignissen.
B) Humusaufbau statt „nur Reste sammeln“: Der biologische Umbauprozess
Humusaufbau ist nicht nur das Ansammeln von Pflanzenresten, sondern ein biologischer Umbau- und Stabilisierungspfad.
Ein zentraler Langzeitmechanismus ist mikrobieller Turnover:
Mikroben wachsen, nutzen organische Substrate, bilden Biomasse und bauen dabei komplexe organische Strukturen um.
Ein Teil der Biomasse stirbt ab und bildet mikrobielle Necromass.
Diese Zellbestandteile können in stabilere organische Fraktionen übergehen und an Mineraloberflächen gebunden werden. Dadurch wird organische Substanz weniger „flüchtig“ und stärker Teil der Bodenmatrix.
Wichtig: Das ist kein Über-Nacht-Effekt. Tempo und Ausprägung hängen von Ausgangsboden, organischem Input, Klima, Wasserführung und Management ab.
C) Bodenfunktion stabilisieren („Bodenreinigung“ im funktionalen Sinn)
„Bodenreinigung“ bedeutet hier nicht sterilisieren, sondern funktional stabilisieren. Das Ziel ist nicht „alles weg“, sondern „das System wieder tragfähig“.
Dazu gehören typische ökologische Mechanismen:
Konkurrenz um Nahrung und Raum
Besetzung ökologischer Nischen
Veränderung von Mikromilieus im Porenraum, zum Beispiel lokale pH- und Redoxbedingungen
Abbau organischer „Lasten“, die instabile mikrobielle Schübe oder unerwünschte Dynamiken begünstigen können
Das ist kompatibel mit dem bekannten Rahmen, dass Böden über mikrobiell vermittelte Prozesse stabiler oder auch krankheitsunterdrückender werden können, ohne dass man mit Abtötungslogik arbeitet.
Inokulierte Mikroben etablieren sich nicht in jedem Boden dauerhaft. Teilweise verändert sich eher die Funktion im System als die langfristige Zusammensetzung. Genau deshalb ist das Zielbild nicht „ein Stamm gewinnt“, sondern „die Bodenfunktion stabilisiert sich“.
3) Warum Infiltration und Wasserspeicherung Hand in Hand gehen
Es wirkt wie ein Zielkonflikt: Wenn mehr gespeichert wird, müsste Wasser langsamer infiltrieren.
In einem gut strukturierten Porensystem ist es umgekehrt:
Makroporen ermöglichen schnellen Eintritt und Abfluss von Überschuss.
Meso- und Mikroporen sorgen für Verteilung und Rückhalt.
EPS, stabile Aggregate und organische Matrix helfen, dass diese Porenstruktur nicht verschmiert.
Der große Praxishebel ist deshalb oft nicht nur „mehr halten“, sondern besser strukturieren und besser verteilen.
4) Der biologische Prozess Schritt für Schritt: Vom ersten Kontakt bis zur Regeneration
Phase 1: Kontakt und Aktivierung im Oberboden
Nach Ausbringung gelangen Mikroben in die obersten Millimeter und treffen auf Substrate wie abgestorbene Wurzeln, organische Reste, Wurzelexsudate sowie unterschiedliche Sauerstoff-Mikrozonen.
Phase 2: Abbau instabiler organischer Substanz
Mikroben zerlegen organische Materialien über Enzyme und Stoffwechselprozesse. Dadurch werden instabile organische „Lasten“ reduziert und Ressourcen für Strukturaufbau frei.
Phase 3: EPS, Biofilm, Mikroaggregate
Jetzt entsteht der Struktur-Effekt:
EPS und Biofilm binden Partikel und organische Moleküle.
Mikroaggregate entstehen und können zu stabileren Aggregatstrukturen beitragen.
Phase 4: Turnover und Humusbildung über mikrobielle Necromass
Während des Wachstums sterben Mikroben. Ein Teil ihrer Zellbestandteile wird Bestandteil stabilerer organischer Fraktionen. Dadurch kann langfristig eine funktionale, „schwammartige“ Bodenmatrix entstehen.
Phase 5: Neubalance des Mikrobioms
Durch Konkurrenz, Nischenbesetzung und Ressourcenlenkung kann sich ein robusteres mikrobielles Gleichgewicht etablieren, das die Bodenfunktion langfristig stabilisiert.
5) Legende: Fachwörter in Klartext
Infiltration: Eindringen von Wasser in den Boden an der Oberfläche.
Makroporen: Größere Poren für schnellen Wasser- und Lufttransport.
Mesoporen/Mikroporen: Kleinere Poren für Speicherung und stark gebundenes Wasser.
Feldkapazität: Wassergehalt nach Abfluss des freien Wassers.
Permanenter Welkepunkt: Wassergehalt, bei dem Pflanzen dauerhaft welken, weil sie nicht mehr ausreichend Wasser aufnehmen.
Pflanzenverfügbare Wasserkapazität (AWC): Wasser zwischen Feldkapazität und Welkepunkt.
Aggregate: Krümelstrukturen aus Mineralpartikeln und organischen Bindungen.
EPS: Von Mikroben ausgeschiedene Biopolymere außerhalb der Zelle.
Biofilm: Mikroorganismen in einer EPS-Matrix an Oberflächen und in Poren.
Mikrobielle Necromass: Abgestorbene mikrobielle Zellbestandteile, die zur organischen Bodensubstanz beitragen können.
6) Selbsttests: So prüfst du Struktur, Infiltration und Trendveränderung selbst
Diese Tests sind als On-Farm-Screening gedacht. Sie zeigen Trends und Unterschiede, nicht perfekte Absolutwerte.
Test 1: Slake Test (10 Minuten)
Du brauchst: 2 Gläser/Schalen, Wasser, kleine Schaufel, Smartphone.
So geht’s:
2 bis 3 trockene Bodenkrümel entnehmen (nicht zerdrücken).
Je einen Krümel vorsichtig ins Wasser legen.
5 bis 10 Minuten beobachten: stabil, teilweise Zerfall, schneller Zerfall.
Foto/Video dokumentieren.
Warum wichtig: Aggregatstabilität hängt eng mit Krustenbildung und Verschlämmungsneigung zusammen.
Test 2: Ring-Infiltration (Vergleichstest)
Du brauchst: Ring (Rohrstück), Hammer + Holzklotz, Messbecher, Stoppuhr, Wasser, Folie.
So geht’s:
Ring wenige Zentimeter in den Boden setzen, dicht anliegend.
Oberfläche innen nicht aufwühlen.
Wasser sanft (über Folie oder Löffel) einbringen.
Zeit messen, wie schnell ein definiertes Volumen versickert.
Mehrere Punkte je Zone messen, gleiche Ausgangsfeuchte.
Hinweis: Single-Ring kann seitlichen Fluss enthalten. Daher ideal für Vorher-Nachher und Flächenvergleich.
Bonus: Spatenprobe
Wurzeln, Krümelstruktur, Verdichtungszonen, sichtbare Poren. Oft die schnellste Systemdiagnose.
Quellen zum Weiterlesen
NRCS Definitionen und Einordnung von AWC, Feldkapazität und Welkepunkt.
FaO Slake Test Protokoll.
Minasny & McBratney zur im Mittel moderaten AWC-Erhöhung durch mehr SOC.
Reviews zu EPS und Bodenaggregation.
Mikroben-Biofilm und hydraulische Bodenprozesse.
Mikrobielle Necromass als großer SOC-Beitrag.
Suppressive soils und mikrobiomvermittelte Stabilität.
