Die Rolle des Bodenmikrobioms in der nachhaltigen Landwirtschaft
- Florian Strobel

- 12 dic 2025
- 6 Min. de lectura

Wie Constructive Microbes und SKUAST-Jammu das Bodenmikrobiom in den Mittelpunkt rücken
Gesunde Böden sind die unsichtbare Infrastruktur jeder Landwirtschaft. Wenn Bodenstruktur, Bodenmikrobiom und Wasserhaushalt aus dem Gleichgewicht geraten, entstehen genau die Probleme, die Landwirtinnen und Landwirte weltweit spüren: Ertragsrückgänge, Staunässe und Erosion nach Starkregen, vertrocknete Bestände in Dürreperioden. Schätzungen der FAO zufolge sind heute rund ein Drittel der weltweiten Böden bereits moderat bis stark degradiert – vor allem durch Erosion, Versalzung, Verdichtung, Nährstoffungleichgewichte und chemische Belastung.
Auch Indien steht vor dieser Herausforderung. Regierungsnahe Auswertungen und Analysen schätzen, dass etwa 30 Prozent der Landesfläche von Land- und Bodendegradation betroffen sind, mit teils deutlichen Folgen für landwirtschaftliche Produktivität, Wasserhaushalt und Lebensgrundlagen.
Parallel dazu wächst die wissenschaftliche Evidenz, dass das Bodenmikrobiom – also die Gesamtheit der Mikroorganismen im Boden – eine Schlüsselrolle für nachhaltige und klimaresiliente Landwirtschaft spielt. Studien zeigen, dass Bodenmikroorganismen Nährstoffkreisläufe steuern, die Bodenstruktur beeinflussen, Krankheiten unterdrücken und die Stresstoleranz von Pflanzen verbessern können.
Vor diesem Hintergrund wurde Halim Amour Mohamed, Gründer und CEO von Constructive Microbes, von der Sher-e-Kashmir University of Agricultural Sciences and Technology of Jammu (SKUAST-Jammu) eingeladen, eine Expert Lecture zum Thema «Microbiome in Sustainable Agriculture – The Homeostasis Code» zu halten.
SKUAST-Jammu – Agraruniversität im Himalaya-Vorland
SKUAST-Jammu ist eine staatliche Agraruniversität mit Hauptcampus in Chatha, Jammu. Sie wurde 1999 gegründet und umfasst mehrere Fakultäten, unter anderem die Faculty of Agriculture, die Faculty of Basic Sciences, die Faculty of Agricultural Engineering sowie Fakultäten für Gartenbau, Forstwirtschaft und Veterinärmedizin.
Die Universität verbindet Lehre, Forschung und Beratung und arbeitet eng mit den landwirtschaftlichen Betrieben in Jammu & Kashmir zusammen – von trockenen, heißen Ebenen bis in kühlere, feuchtere Lagen im Vorland des Himalaya. Genau in diesen Spannungsfeldern aus Dürre, Starkregen und Bodendegradation wird deutlich, wie wichtig ein funktionierendes Bodenmikrobiom für klimaresiliente Landwirtschaft ist.
Kernbotschaft des Vortrags: Boden als lebendes, selbstregulierendes System
In seinem Vortrag an der Faculty of Basic Sciences legte Halim Amour Mohamed den Fokus auf einen grundlegenden Perspektivwechsel:
Boden ist kein passives Medium, sondern ein lebendes, selbstregulierendes Ökosystem. Jede Pflanze steht nicht einfach „in Erde“, sondern in einem mikrobiellen Kommunikationsnetzwerk.
Berichte in regionalen Medien heben hervor, dass der Vortrag die wachsende Bedeutung mikrobiombasierter Ansätze für Bodengesundheit und nachhaltige Landwirtschaft betonte und erklärte, wie mikrobiell getragene Systeme den Boden von einem passiven Medium in ein lebendiges Ökosystem mit Eigenregulation verwandeln können.
Im Zentrum standen vier Themen, die für alle relevant sind, die mit Böden arbeiten – Landwirtinnen und Landwirte, Agronominnen und Agronomen, Forschende und Studierende.
1. Bodenmikrobiom und nachhaltige Landwirtschaft
Aktuelle Reviews und Übersichtsarbeiten zeigen, dass ein vielfältiges, gut funktionierendes Bodenmikrobiom:
Nährstoffkreisläufe stabilisiert und organische Substanz transformiert
die Nährstoffverfügbarkeit für Pflanzen erhöht
die Anfälligkeit für Krankheiten verringern kann
und die Toleranz gegenüber abiotischen Stressfaktoren wie Trockenheit oder Hitze verbessert.
Im Vortrag verknüpfte Halim diese Forschung mit Praxisbeispielen aus Europa, Afrika, dem Mittelmeerraum und nun auch Indien. Überall dort, wo das Bodenmikrobiom stabilisiert und in Balance gebracht wird, lassen sich typischerweise stärkere Wurzelsysteme, vitalere Bestände und eine bessere Reaktion der Pflanzen auf Stress beobachten – immer eingebettet in Standort, Management und Kultur.
2. Mikrobielle Konsortien statt Einzelstämme
Ein wichtiger Schwerpunkt war das Arbeiten mit mikrobiellen Konsortien. Anstatt einzelne Bakterienstämme isoliert zu betrachten, arbeitet Constructive Microbes mit Kombinationen verschiedener funktioneller Gruppen, zum Beispiel:
Fotosynthetische Bakterien, die Lichtenergie nutzen und Redoxprozesse im Boden beeinflussen
Milchsäurebakterien, die pH-Verläufe lokal modulieren und in vielen Systemen mit fermentativen Prozessen verknüpft sind
Hefen und andere Fermentierer, die Enzyme und Metabolite bereitstellen und organische Substanzen umbauen
Die Literatur zeigt, dass solche Gemeinschaften ihre Aktivität über Quorum Sensing und andere Signale koordinieren und dadurch gemeinsame Effekte auf Nährstoffverfügbarkeit, Krankheitsunterdrückung und Pflanzenwachstum entfalten können.
Im Vortrag wurde dieses Zusammenspiel als eine Art biologisches Betriebssystem beschrieben. Ziel ist nicht, Pflanzen „zu pushen“, sondern Reibung im System zu reduzieren, die natürliche Selbstorganisation des Bodens zu unterstützen und damit Richtung Homeostasis zu arbeiten – also in Richtung eines dynamischen Gleichgewichts.
3. Extrazelluläre polymere Substanzen (EPS) und Bodenstruktur
Ein weiterer wissenschaftlich zentraler Punkt im Vortrag waren extrazelluläre polymere Substanzen (EPS). Viele Bodenmikroben scheiden solche Biopolymere aus, die wie eine Matrix im Porenraum wirken.
Studien zeigen, dass EPS:
Bodenpartikel zu stabilen Aggregaten verbinden
die Porenstruktur verbessern und damit Luft- und Wasserhaushalt beeinflussen
Wasser in der Wurzelzone besser verfügbar halten
und so direkt zur Bodenstruktur, Infiltration und Wasserhaltefähigkeit beitragen können.
Genau diese Verbindung aus mikrobieller Aktivität, Aggregatstabilität und Wasserinfiltration wurde an der SKUAST-Jammu als Hebel für Bodenregeneration und Wassermanagement im Boden hervorgehoben – ein Thema, das in Regionen mit wechselnden Starkregen- und Dürrephasen besonders relevant ist.
4. Humusaufbau, mikrobielle Necromasse und Kohlenstoffspeicherung
In der Humus- und Kohlenstoffforschung zeichnet sich immer klarer ab, dass ein großer Teil des stabileren organischen Kohlenstoffs im Boden aus mikrobieller Necromasse stammt – also aus abgestorbenen Mikroorganismen, die in die Bodenmatrix eingebaut werden.
Meta-Analysen und Synthesen kommen zu dem Ergebnis, dass mikrobielle Necromasse in Ackerböden oft einen erheblichen Teil des organischen Kohlenstoffs in den oberen Bodenschichten ausmacht und damit eine zentrale Rolle für Kohlenstoffspeicherung und Bodenstruktur spielt.
Für die Praxis bedeutet das:
Humusaufbau ist kein reines „Reste sammeln“, sondern ein biologischer Umbauprozess.
Wer Humus aufbauen will, muss Bedingungen schaffen, unter denen Mikroben wachsen, arbeiten und anschließend in stabilere organische Fraktionen übergehen können.
Mikrobielle Konsortien und eine mikrobfreundliche Bewirtschaftung zielen deshalb darauf, diesen Prozesspfad zu stärken.
Microbiome in Sustainable Farming im Fokus
Zwei regionale Medien in Jammu berichteten über die Expert Lecture und stellten den Zusammenhang zwischen Mikrobiomen, Bodenstruktur, Humusbildung und klimafester Landwirtschaft heraus.
Der Daily Excelsior beschrieb, wie fortgeschrittene mikrobielle Systeme helfen können, Böden von einem passiven Medium in ein lebendes, selbstregulierendes Ökosystem zu verwandeln und unterstrich die Bedeutung von Quorum Sensing, Biopolymeren und mikrobieller Aktivität für Wasserinfiltration, Wasserrückhalt und Bodengesundheit.
Die Zeitung The Northlines veröffentlichte unter der Überschrift „SKUAST-J hosts expert lecture on Microbiome in Sustainable Agriculture“ einen weiteren Bericht, der Halim Amour Mohamed als internationalen Gastredner hervorhob und betonte, wie mikrobiombasierte Technologien Humusbildung, Wasserinfiltration und die Resilienz von Kulturen unter Klimastress unterstützen können.
Für uns, Constructive Microbes, ist diese Berichterstattung ein externer Beleg dafür, dass das Thema Bodenmikrobiom in der nachhaltigen Landwirtschaft längst im akademischen und öffentlichen Diskurs angekommen ist – und zwar in Regionen, die bereits heute stark von Klimastress betroffen sind.
Von der Expert Lecture zu einer konstruktiven Forschungszusammenarbeit
Im Anschluss an den Vortrag bedankten sich die Verantwortlichen der SKUAST-Jammu – einschließlich des Vice Chancellor Prof BN Tripathi und des Dean der Faculty of Basic Sciences, Prof Sanjay Guleria – bei Halim Amour Mohamed für den Beitrag und signalisierten ihr Interesse an einer Vertiefung der Zusammenarbeit.
Gemeinsam mit der Fakultät werden nun weitere Schritte in Richtung einer konstruktiven Forschungskooperation geprüft. Im Zentrum stehen dabei Fragen wie:
Wie beeinflussen mikrobielle Konsortien unter den Standortbedingungen von Jammu & Kashmir
die Bodenstruktur,
die Wasserinfiltration und Wasserspeicherung,
die Humusdynamik,
und die Resilienz von Kulturen unter Klima- und Wasserstress?
Wie können Studierende mit einfachen, wissenschaftlich fundierten Feldmethoden lernen, Bodenfunktionen und mikrobielle Effekte selbst zu beobachten?
Ziel ist es, Lehr- und Forschungsaktivitäten der Universität mit praktischen Erfahrungen aus unterschiedlichen Klimaräumen zu verbinden und so eine belastbare Grundlage für mikrobiomgestützte Bodenregeneration zu schaffen. Konkrete Versuchsreihen, Lehrmodule und gemeinsame Publikationen werden Schritt für Schritt entwickelt und von der Universität wissenschaftlich ausgewertet.
Warum diese Zusammenarbeit für die Zukunft der Böden wichtig ist
Die Einladung nach Jammu, die Expert Lecture „Microbiome in Sustainable Agriculture – The Homeostasis Code“ und die positive Resonanz aus Universität und Medien zeigen:
Bodenmikrobiom,
mikrobielle Konsortien und
klimaresiliente, nachhaltige Landwirtschaft
sind keine Randthemen mehr, sondern rücken in den Kern der agrarwissenschaftlichen Debatte.
Forschungsergebnisse zu Bodenmikroorganismen, EPS und mikrobieller Necromasse bestätigen, dass genau hier zentrale Hebel für Bodenregeneration, Wassermanagement und Kohlenstoffspeicherung liegen.
Constructive Microbes versteht diese Entwicklung als Bestätigung, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen:Mikroben nicht nur als Produkt, sondern als Partner in einem lebenden Bodensystem zu betrachten – und gemeinsam mit wissenschaftlichen Institutionen wie der SKUAST-Jammu Lösungen zu entwickeln, die Böden weltweit wieder in ihre volle Funktion bringen.
Quellen
Globale Boden- und Landdegradation
FAO: Global Soil Partnership – Some 33 percent of soil is moderately to highly degraded (2014, 2015, diverse Zusammenfassungen).
FAO: Healthy soils are our climate champions (2022).
Landdegradation in Indien
The Economic Times: Soil degradation on 30 pc of India’s land poses threat to agriculture (2024).
India Water Portal / ISRO-Daten: India’s target to combat land degradation and desertification (2019).
Down To Earth: Land degradation in India hurts farmers and forest dwellers the most (2021).
SKUAST-Jammu und Fakultäten
SKUAST-Jammu – Offizielle Website, Überblick über Fakultäten:
SKUAST-Jammu – Faculty of Basic Sciences (Profilseite und Mandat).
Medienberichte zur Expert Lecture
Daily Excelsior: SKUAST-Jammu holds expert lecture on role of microbiome in sustainable farming (8. Dezember 2025).
thenorthlines: SKUAST-Jammu holds expert lecture on role of microbiome in sustainable farming (8. Dezember 2025).
SKUAST Jammu / Social Media Beitrag zur Veranstaltung und zum Dean Faculty of Basic Sciences.
Wissenschaftliche Quellen zum Bodenmikrobiom, EPS und Humus
Iqbal S. et al. (2025): Microbial communities and their transformative role in soil ecosystems – Überblick zu Funktionen des Bodenmikrobioms für Bodenfruchtbarkeit, Pufferung von Stress und physikalische Bodenfunktionen.
Chen Q. et al. (2024): Soil Microorganisms: Their Role in Enhancing Crop Productivity and Soil Health – Review zu EPS, Aggregatbildung, Wurzelumgebung und Wasserhaltevermögen.
Guhra T. et al. (2022): Pathways of biogenically excreted organic matter into soil aggregates and soil structure – Rolle mikrobieller Exsudate und Necromasse für Aggregatstabilität und Kohlenstoffbindung.
Coban O. et al. (2022): Soil microbiota as game-changers in restoration of degraded soils – Zusammenfassung, wie Bodenmikroorganismen bei der Wiederherstellung degradierter Böden wirken und physikalische Eigenschaften verbessern können.
Policy-Brief / Study: The soil microbiome – its role in sustainable soil management (IEEP, 2023).


